Premiere: Der Kaufmann von Venedig

So still und in sich ruhend, wie Shylock auf die Bühne tritt, das wiegt den Zuschauer beinahe in Sicherheit. In der Inszenierung von Joerg Steve Mohr ist es der Jude, der den achtlos weggeworfenen Müll vom Boden aufliest (in Form von grellgrünen „Dukatenscheinen“). Er macht die mühsame Schmutzarbeit der Gesellschaft.

Dem gegenüber zelebrieren die christlichen Charaktere Venedigs eine ausgelassene EGO-zentrierte Rave-Party. Stets unter dem Motto der „Egolution“. Der Titelheld des Stückes, Antonio, duldet all dies und unterstützt es. Auch wenn es zugeht wie auf einem zeitgenössischen Finanzmarkt – ein ekstatisches Leben in Saus und Braus auf Pump, denn einer wird am Ende die Zeche zahlen. Hier ist es Antonio. Oder doch der allein arbeitende Shylock? Der ist zwar noch immer Teil der Szenerie, in seiner einsamen Position scheint er dennoch isoliert.

Im Verlauf des Stückes wird diese Allegorie auf unsere „moderne“ Gesellschaft immer wieder deutlich, bisweilen so sehr, dass einem das Lachen im Halse steckenbleibt. Wenn etwa Portia als Bachelorette auf der Leinwand erscheint und unserer niveaubefreiten Mediengesellschaft den Spiegel vorhält. Konsequenterweise wirken – zumindest auf mich – die Gefühle zwischen Bassanio und Portia vorgetäuscht und falsch. Als wären sie dem Drehbuch einer Dokusoap („eben der Bachelorette“) entnommen. All dies schafft Raum für die existenzielle Leidenschaft des Stückes, den Konflikt zwischen Antonio und Shylock. Beide werden durch grandiose Darsteller verkörpert – Michael Hecht und Hartmut Lehnert. Die beiden Künstler tragen ihren Streit konsequent aus, in kleinen Gesten (Gummibärchen!) ebenso wie in großer Dramatik (etwa in Shylocks berühmtem Monolog).

Interessant die Anspielungen auf unsere Gesellschaft mit Hilfe der Tiermasken, die allesamt rückgeführt werden können auf das Shakespeare’sche Pythagoras-Zitat:

„To hold opinion with Pythagoras
That souls of animals infuse themselves
Into the trunks of men.

Maskiert und teils in grauen Anzügen versteckt ist niemand mehr Individuum, sondern nur noch Teil des Ganzen. Vorbei menschliche Philosophie und Sozialethos, der moderne Mensch reduziert sich auf seine ökonomischen Instinkte.

Allein die in Schlüsselszenen im Hintergrund auftauchenden pochenden Herzschläge oder die finster-subtil erklingenden Tonfolgen von Silent Hill Shattered Memories. Vor Gericht wird die Klimax voll ausgespielt vor dem Hintergrundblind einer Justizia, die zwar Schwert und Waage besitzt, aber keine Augenbinde. Demnach ist die Justiz weder blind, noch betrachtet sie alle gleich? Shylock steht  im dunklen Anzug wie ein Totengräber da, während die Freunde um Antonio grau-weiß gekleidet sind. Dass dem Ankläger ebendies Erkennungsmerkmal genommen wird und er am Ende wie ein Stück Fleisch behandelt wird, als Teil dessen, was die Wegwerfgesellschaft hinterlässt, erzeugt zu Recht Betroffenheit.

Dies alles macht den „Kaufmann von Venedig“ bei den Frankenfestspielen zu einer modernen Adaption des bekannten Klassikers, die auf alle Fälle sehenswert ist. Entscheidend ist jedoch, sich darauf einzulassen und das Stück in seiner Gesamtheit auf sich wirken zu lassen.

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Premiere: Der Graf von Monte Christo (Teil 2)

Mit dem Übergang vom ersten in den zweiten Akt erfolgt ein grundlegender Wechsel des Stückes. Die Geschichte wird transformiert von der napoleonischen Ära in die Moderne. Dieser Zeitsprung erfolgt jedoch alles andere als abrupt – er wird in vorangegangenen Szenen bereits angedeutet (etwa durch die Whiskey-Fässer, die Teil des Schatzes von Monte Christo sind und in Zeiten der Prohibition durchaus ein „Schatz“ sein konnten). Der zweite Akt findet nicht nur die äußere Darstellung verändert vor. Auch de Charaktere haben sich verändert. Eigentlich alle sind in der ein oder anderen Form gefangen und so bildet Mercedes (wundervoll emotional Ann Mandrella) keine Ausnahme. Doch ihr Kerker ist ein Salon. Sie denkt an den vermeintlich toten Edmond, der sich unverhofft der Kulisse nähert, dann tritt sie ab. So wird mit den Sehnsüchten der beiden Trauernden gespielt, bis es sich in einem Duett auf den Säulen gipfelt, wo einst Mondego und Danglars lauerten. Immer wieder wird die Trennung der beiden Liebenden verdeutlicht. Dieses Spiel gipfelt in einem Duett vor der Bildwand, Mercedes davor stehend, Edmond im Bild. So wird die Entfremdung der beiden schmerzhaft klar, die sich einerseits nah sind und doch entfernt.

Die Symbolik des „Grafen“ spiegelt diese Entwicklung. Angefangen mit der besonderen Dynamik des Bühnenbildes, welche die des letztjährigen Dracula noch übertrumpft mit den versteckte Luken, dem geheimen Gang, der in Verstärkung mit dem Bildschirm die klaustrophobische Aufnahme des Fluchttunnels einzufangen vermag und den stets stimmungsvollen Bildschirmwechseln.

Oder die silbernen Koffer, die mal finanziell, mal physisch den Tod (in Form von Duellwaffen) bringen können. Ein zeitgerechter Fingerzeig auf Finanzmarktkrisen und Gier, in der das Geld mächtiger ist als das Schwert. Hier zeigt sogar ein Erzschurke wie Anton Graners Danglars Gefühle, seine kalte Boshaftigkeit wird zur offenen Gier beim Anblick des Geldkoffers.

Die besondere Natur des Freilichttheaters ist einer der letzten Punkte, die ich ansprechen möchte. Wenn Valentine den „schönen Schein“ besingt oder Mercedes „All die Zeit“, dann wirkt die besondere Reminiszenz des Nachthimmels, an dem sich vereinzelt Sterne abzeichnen wie eine stille Choreografie. Ebenso die (natürlich zufällig) über unseren Köpfen dahinziehenden Vögel, die dem Gefangenen auf der Bühne durch ihre Freiheit zu verhöhnen scheinen. Dass aber auch die Neunuhrglocken von Röttingen so punktgenau ertönen, als bildeten sie ein Echo auf die Liedzeile „jeder Tag ein kleiner Tod“, das ist mehr als nur ein bisschen stimmungsvoll. Und machen den Besuch des „Grafen“ zu etwas Besonderem.

Kommen wir zurück zur eingangs aufgeworfenen Frage – hat diese Adaption funktioniert? Und ob.

Anders als im Dumas-Original mit seiner Vielzahl an Charakteren ist es bei einer Bühnenadaption natürlich nötig, zu reduzieren und zu interpretieren. Schön zu sehen, wie das Thema um Recht und Gefangenschaft auch hier fortgeführt wird. Denn nahezu alle beteiligten Figuren sind gefangen, nur eben auf unterschiedliche Art und Weise. So stellt zum Beispiel Albert (glaubhaft gespielt von Max Buchleitner) auch nur einen Gefangenen dar, der seiner Abkunft nicht entkommen kann. Warum sonst würde er sich zitternd dem Duell im Wald stellen? Genauso Leah Delos Santos als Valentine Villefort, deren emotionales Solo im wachsenden Bühnenlicht sie zur Symbolfigur des Leides macht, das die Rache hervorbringt. In meinen Augen ist es einzig die anarchistische Luisa Vampa, die frei ist.

Die Inszenierung offenbart eine klare dramaturgische Struktur, die dieses Stück zu etwas Neuem macht. Damit wird die tausendfache Wiederholung der Mantel-und-Degengeschichte hin zur kernhaften dramatischen Entwicklung reduziert. Diese Zeitlosigkeit verdeutlicht die aktuelle Bedeutung des Stoffes. Denn, wann ist eine Geschichte besonders relevant? Wenn sie auch heute passieren kann, im Hier und Jetzt. Die Wahl der Roaring Twenties mit all den Umtrieben aus der Prohibition als optische Kulisse funktioniert – denn die sprichwörtliche sizilianische Rache wirkt gerade bei Monte Christo als Alliteration des Themas.

Schließen möchte ich meine Ausführungen mit Worten von Oscar Wilde. „In Wahrheit spiegelt die Kunst den Betrachter, nicht das Leben.“ Insofern ist das, was ich bei der Premiere erleben durfte, genau das.

Bühnenkunst.

Fotograf: Gerhard Meißner

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Premiere: Der Graf von Monte Christo (Teil 1)

Attendre et espérer! Harren und Hoffen! Mit diesen Worten endet das weltberühmte literarische Werk von Alexandre Dumas (dem Älteren), das in der vollständigen deutschen Übersetzung um die 1.500 Seiten umfasst. Der Graf von Monte Christo ist mit vollem Recht ein historisches Epos, das auf den ersten Blick als Spiegel seiner Zeit gesehen werden mag. Bei genauerem Hinsehen jedoch entpuppt sich „der Graf“ als umfassende Abhandlung über die Philosophie der Gerechtigkeit. Was ist recht? Was ist gerecht?

Diese Frage beschäftigt die Menschen noch immer, wie die Entwicklungen um Michail Chodorkowski oder Abu Ghuraib – um nur zwei wahlfreie Stichworte zu nennen – leider belegen können.

Was dies mit den Frankenfestspielen zu tun hat?

Ich durfte dort in reizender Begleitung die Premiere des Musicals „der Graf von Monte Christo“ von Frank Wildhorn und Jack Murphy erleben. Aber kann das funktionieren? Eine etwa zweieinhalbstündige musikalische Adaption eines so umfassenden Werkes das ursprünglich als Fortsetzungsroman konzipiert wurde?

Lassen wir diese Frage noch ein bisschen unbeantwortet und widmen uns dem, was in meinen Augen die Aufführungen des Intendantenteams Sascha O. Bauer und Walter Lochmann auszeichnet – die Details.

Beginnend mit dem Bühnenbild, das bei einem Freilichttheater eigentlich immer den ersten Eindruck vorgibt, steigt der Besucher unmittelbar in Stimmung und Spannung ein. Helmut Mühlbacher hat auch diesmal eine atmosphärische Bühne erschaffen, die den Geist der Vorlage einzufangen vermag. Eine Landschaft aus grob gefügtem Mauerwerk und wuchtigen Säulen fügt sich hervorragend in den Hof der Burg Brattenstein ein und bereitet auf die Geschichte vor. Aber etwas hat sich verändert. In die Aufbauten fügt sich eine Leinwand als Stilelement ein, die ein synergetisches Eigenleben entwickelt, atmosphärisch eingreift und später auch Teil von Handlung und Dialog wird. Gemeinsam mit der dezent abgestimmten Beleuchtung ein echtes Highlight.

Die richtigen Voraussetzungen also für dieses Stück, das im Prolog stimmungsvoll mit schwarzen Gestalten aufwartet und dem bewegenden „Fiat Justitia“. Düster drohend klingt das und öffnet folgerichtig das Publikum und seine Erwartungshaltung für das kommende Drama. Die danach eher mit Heiterkeit aufwartende Szene um das Liebespaar Edmond und Mercedes und ihr Glück steht damit unter einem finsteren Vorzeichen. Die beiden sind so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass ihnen das sepiafarbene Schreiben, das bedeutungsschwer von Hand zu Hand gereicht wird, nicht auffällt. Edmond hat nur Augen für Mercedes und steckt diesen Brief gedankenverloren ein.

Es zeigt sich, dass diese Stimmungswechsel präzise abgestimmt sind zwischen Bühnenbild, Schauspiel, Kostümen und natürlich Musik. Die unbeschwert klingende Flöte trillert verspielt, offenbart die Leichtigkeit, die das Leben bisweilen bereithält. Das lässt einen fast die dunklen Ahnungen vergessen, bis das Schicksal dann zuschlägt. Denn auf den zentralen Säulen, in unmittelbarer Nähe zum bereits erwähnten Bildschirm, hocken die beiden Verschwörer Danglars und Mondego wie lauernde Krähen, drohend und gierig, neidzerfressen.

Da trägt die Intrige Früchte. Die Spannung steigt, als Edmond seinem Richter vorgeführt wird – dem scharfäugigen und im Grunde gerechten Villefort. Bis ihm klar wird, dass das Recht ihm selbst schaden wird. Einmal mehr bewahrheitet sich der alte Spruch „auf See und vor Gericht bist du in Gottes Hand!“ Einmal mehr wird die verstärkende Wirkung der Bildtechnik demonstriert – die Projektion zeigt einen langen Saal mit schwarzem Kreuz, symbolisiert damit Entscheidungsschwere und Strenge. Hier spielt der Hauptdarsteller Yngve Gasoy Romdal sein volles schauspielerisches Potenzial aus. Mit großen Augen verfolgt er die Geschehnisse, macht nicht nur Villefort glaubhaft, dass er etwas naiv sein mag, aber unschuldig. Bis er fassungslos erkennen muss, dass hier sein Schicksal besiegelt wird.

Soviel zu den ersten Szenen des Zweiakters. Im Folgenden werde ich nur noch auf Schlüsselszenen und –elemente eingehen, um nicht zu viel von der Geschichte und ihren Geschehnissen zu verraten.

Der Triumph der Verschwörer gipfelt in einer Saunaszene, bei der die drei Schurken Danglars, Villefort und Mondego ihr gemeines „Geschichte“ zum Besten geben. Gerade die luxuriöse Beiläufigkeit der Szenerie, bei der sie ihre Lebensart offen zur Schau stellen, während Edmond ins tiefste Elend stürzt, macht betroffen. Im Hintergrund läuft die Uhr, während der Gefangene zum Warten verdammt ist.

Wundervoll auch das „Niemals allein“, ein bewegendes Duett von Edmond und Mercedes, das ihren geteilten Schmerz trotz der Trennung greifbar macht. Am Ende sind Edmond und Mercedes weiter voneinander entfernt denn je. Während er sich selbst aufgibt, kämpft Mercedes um ihre Hoffnung bis Mondegos Lügen sie zerstören.

Besondere Erwähnung sollten die drei zentralen Freunde des Edmond Dantes finden. Der erste ist Ferdinand Mondego, der falsche Freund, der kalt lächelnd zusieht, wie Edmond ins Unglück stürzt. Martin Berger gibt diesem vielschichtigen Charakter, der weitab von der berechenbaren Boshaftigkeit eines Danglar an seinen eigenen Gefühlen zerbricht, Tiefe und Glaubwürdigkeit. Intrigant und mafiös wirkt dieser Mondego eher tragisch als böse, da er trotz all seiner Mühen niemals die Liebe von Mercedes gewinnen kann. Unbedingt aufpassen: das stimmliche Zitat des Schauspielers auf Marlon Brandos Paten!

Die Rolle des väterlichen Freundes Abbé Faria spielt Dennis Kozeluh und er tut dies mit einer bestechenden Frische und einem Hauch Skurrilität. Erst mit diesem Freund wird Edmond wieder zu einem Menschen und er verändert sich für immer. Faria dient im Rahmen der Handlung gleichermaßen als Klimax von Edmonds Elend und Grundstein seiner Wiedergeburt. Für mich war dieser durchweg unterhaltsame Abbé einer der beiden außergewöhnlichsten Charaktere des Abends.

Der dritte Freund Edmonds ist Jacopo und er steht in meinen Augen für Treue und Loyalität. Vor dem Hintergrund von Edmonds wunderbarer Errettung durch die Piratinnen um Luisa Vampa (dank der erfrischenden Kathleen Bauer der zweite herausragende Nebencharakter des Stückes, wie eine Mischung aus Pippi Langstrumpf und Jack Sparrow zeigt sie anarchistische, skurrile und auch burschikose Züge) entsteht seine Vertrautheit mit dem mitfühlend von Katharina Lochmann dargestellten Jacopo , der mit Sorge Edmonds Veränderungen zum Racheengel beobachtet und hinterfragt. Gerade Jacopo ist Teil einer wirklich eindrucksvollen Szene „Hölle auf Erden“ – wo Edmond hasszerfressen Rache schwört. Hier wird er endgültig zum Grafen von Monte Christo, nachdem ihm Jacopo nur zögernd die Nachricht vom Aufstieg der Feinde überbringt. Die Video-Referenz zeigt auf dem Bildschirm die zechenden und feiernden Verschwörer in einer „Sauna-Szenerie“ in Bildern wie aus einem Fiebertraum, Sinnbild des Wahnsinns, zu dem uns Hassgefühle treiben können.

Jeder der drei Freunde bewirkt eine grundlegende Veränderung in Edmond. Der sich im Verlauf von Edmond Dantes zum namenlosen Gefangenen, vom Gefangenen in den Grafen von Monte Christo und am Ende wieder in Edmond Dantes verwandelt. Die charakterliche Entwicklung folgt damit dem Prinzip der antiken Heldenreise und dies wird konsequent auf die Bühne gebracht. Umso stärker ist die Wirkung dank der ausgefeilten Beleuchtungstechnik. In der finalen Transformation des Grafen wirkt er zunächst in seinem kreisrunden Spot isoliert vor einem kaltblauen Hintergrund, bis der Lichtkegel wächst und er mehr und mehr seiner Vergangenheit und seiner Negativität entkommt.

Fotograf: Gerhard Meißner

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Der Graf von Monte Christo – Matinée

„Verraten tu ich nix!“ sagt Walter Lochman zu Beginn der Matinée der Frankenfestspiele am Sonntag, den 22.08., als er den „Grafen von Monte Christo“ vorstellt. Sogar mehrmals. Aber ein bisschen hat er dann doch verraten. Nur nicht zuviel, denn er wollte ja die Spannung nicht verderben.

Die Matinées der Frankenfestspiele sind noch immer ein Geheimtipp. Daher ist es selbstverständlich, dass ich eine ebensolche Veranstaltung zur Einführung des Wildhorn-Musicals „Der Graf von Monte Christo“ besuche. Wie schon im letztjährigen „Dracula“ zeigt sich das kreative Intendantenteam Sascha Oliver Bauer (Schauspiel) und Walter Lochmann (Musik) dafür verantwortlich. Nach einer kurzen Begrüßung durch Bürgermeister Martin Umscheid führt Walter Lochmann durch das einstündige Programm.

Dass er dabei genau wie im Vorjahr die Facetten seines Könnens als Musiker und Entertainer zeigt, macht die Matinée zu einem echten Erlebnis. Denn Lochmann nimmt das Publikum von Anfang an mit, getreu seinem Motto „miteinander ist Alles.“ Wer sonst kann das Publikum dazu ermutigen – noch dazu sehr erfolgreich – dass es den Monte-Christo-Refrain „Fiat Justizia“ (Gerechtigkeit möge walten) anstimmt? So wird das Publikum zum Chor.

Nach einer kurzen Einführung in die berühmte Geschichte von Alexandre Dumas – die nicht weniger behandelt als den gravierenden Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit – werden die drei Erzschurken des Stückes vorgestellt: Danglars, Villefort, Mondego. Respektive in diesen Rollen die Herren Max Buchleitner (der Anton Graner vertritt, der leider verhindert ist), Dennis Kozeluh und Martin Berger. Ihre Intrige wird stimmlich in Szene gesetzt mit dem Lied „Geschichte“, welches das tückische Vorhaben der drei gegen den arglosen Edmond Dantes verrät. Finster klingt das und gemein. Genau, wie es sein soll.

„Hast du was gehört?“ fragt Mercedes den verräterischen Mondego im nächsten Stück. Dabei zeigen Martin Berger und Ann Mandrella eindrucksvoll ihr Können. Berger zeigt die Zweifel des Schurken nicht nur, er personifiziert sie, macht sie greifbar. Ihm gegenüber leidet Mandrella als Mercedes, weil sie nur an ihren verlorenen Geliebten denken kann. Das ist so wunderschön, umso mehr, weil die in Frankreich geborene Sängerin es in ihrem Solo „All die Zeit“ fortsetzen kann. Das klingt so herrlich verloren, dass es zu recht begeisterten Beifall dafür gibt.

Wie viel eindrucksvoller muss das noch sein, mit Kostümen, Kulisse, Orchester und Beleuchtung? Wir werden daran teilhaben können bei der Generalprobe und der am Donnerstag folgenden Premiere. Die Chemie dafür stimmt, die Vorbereitung läuft auf Hochtouren. Grund genug, all den Menschen hinter der Bühne zu danken.

Wild und auch emanzipiert geht es weiter mit Kathleen Bauer als Luisa Vampa und ihren Mitstreiterinnen Katharina Lochmann und Johanna Kräuter. Gut gelaunt und stimmgewaltig intonieren sie „Piraten“ und demonstrieren geballte Frauenpower. Gemeinsam mit Frederike Faust, der „Frau vor Ort“, ist Bauer ebenfalls verantwortlich für die Laiendarsteller und –sänger des e-Ensembles und des e-Chors, die seit März für ihre Auftritte proben.

Und dann kommt der Graf von Monte Christo, dargestellt von Yngve Gasoy Romdal. Er beschwört melodiös die „Hölle auf Erden“. Jede Geste, jeder Blick offenbart den Verlust des Edmond Dantes, welcher ihn zum rachsüchtigen Grafen macht. Sein Schmerz wird in jeder Silbe und jedem Ton hörbar. Romdal ist ein sympathischer Norweger aus einem kleinen Dorf an der Westküste Norwegens, wo nach eigenen Angaben 100 Menschen und 500 Kühe leben. Seine eindrucksvolle Vita umfasst Rollen in Jekyll und Hyde, Camelot, die Schöne und das Biest, Les Miserables, Chess und auch MacBeth.

„Wie mich die Welt umarmt“ singen Mandrella und Romdal zu den Mittagsglocken von Röttingen und offenbaren eine besondere Harmonie ihrer Stimmen. Damit öffnen sie das Publikum für die Emotionen ihrer Charaktere. So geht auch diese Matinée zu Ende und der Besuch hat sich wieder einmal gelohnt.

Das Warten auf die Premiere jedoch fällt nun noch ein bisschen schwerer.

 

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Daniele Serras „Veins and Skulls“

Unique images from a unique mind – Daniele Serras „Veins and Skulls“
(Dieser Artikel erscheint zunächst in Englisch, später auch auf Deutsch…)

I recieved this book – Skulls and Veins – by Daniele Serra a couple of days ago. Why did it take me some time to tell you how I like it?

Was it due to Christmas?
No, far from it. Best time of the year.

Was it due to Volker missing his words?
No, that happens very seldom. So they say.

Was it due to the content didn’t get me?
Haha, that is unthinkable. Really. Danieles work is stunning, breathtaking. As was to be expected by an artist like him.

That, dear reader, was the very reason for me taking some time. Because the images Daniele creates are something, which isn’t simply put on paper or screen. They are something, that create shapes and creatures right within my head. And that is a good thing, since it is pure inspiration. You know how priceless inspiration is to someone like me.

As always, when I’m looking at Danieles creations. Pure reality is only a guest in his works, reduced to the dark essence of what he wants us to see. What he doesn’t show us is, what our eyes don’t need to see. Just like a good story told the artist deserts us to our own imagination and fears, lost in the dark like a kid in a forgotten forest.

Girls and skulls, the embodiments of life and death, are a common theme. I have told him in the past that his art is giving me the creeps (in a very good and sinister sense, of course) and I have only one word for it.

Vanitas.
Within life there is death. None can be without the other.

Good eyamples for this can be found in his pictures „Seeds“, in „Love“ and „Breath“, and many others. Really striking is „Goodbye“, where girl and death seem to stare at each other. It makes me think of the girl trying to resist the inevitable. Like we all do. And we know, what will happen in the end. To everyone.

When Daniele derives from that pattern of dark profiles he shows us the full mortality of our very own existence, rotting houses and buildings, forgotten in the course of time. Like in the landscapes „Morning“, „Ashes“ and „Light“. Nothing excapes fate, we all will meet the ghastly und ghoulish consequence of being mortal.

So how is „Veins and Skulls“? It’s worth every precious minute you’re spending with it…

Veins and Skulls will be/was released in December 2013

Artwork © 2013 Daniele Serra

 

Always worth a visit: Daniele Serra’s website: http://www.multigrade.it/

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Besuch der Horrere – eine nächtliche Lesung

Horrere – wie schaurig kann das schon sein? Man hat ja schon so manches gesehen, gelesen und gehört. Vielleicht beantwortet sich diese Frage von selbst nach der Lektüre dieses Textes…

Schon im Vorfeld habe ich mir so meine Gedanken gemacht. Eine Lesung in einer Röhre? Und vor allem, was wird da gelesen? Schauerliches war angekündigt und das passt dann wohl auch zum vorherigen „Dracula“. Über den habe ich ja schon ausgiebig berichtet. Als es stiller wurde in der Burg Brattenstein, machte ich mich auf dem Weg durch den Paracelsus-Garten hin zur besagten Röhre. Meine Mädels begleiteten mich bis dorthin, wahrscheinlich waren sie auch ein wenig neugierig. Der Tunnel selbst war stimmungsvoll beleuchtet. Es waren nur einige Stühle um das Pult aufgestellt, aber das war auch gut so. Schließlich kommt es ja auch auf die Atmosphäre an, oder?

Noch ehe es wirklich losging, ergab es sich, dass ich mich mit Walter Lochmann kurz über die Natur des Grauens sowie den Unterschied zwischen Angst und Furcht austauschen durfte. Hochinteressantes Gespräch, das ich gerne noch vertieft hätte, aber irgendwann musste die Horrere ja anfangen 🙂

Sascha Oliver Bauer nahm Platz, genauso Walter Lochmann, und es begann. Es zeigte sich, dass mein Platz im Zuschauerraum seinen ganz eigenen, nun, sagen wir mal Charme besaß. Denn ich saß ganz hinten auf der oberen Röhrenseite, mit dem Rücken zur Öffnung. Die Akkustik war dort hervorragend. Aber irgendwie kam es von selbst, dass ich mich instinktiv umdrehen musste. Natürlich war da nichts.

Nach ein paar philosophischen Gedanken von Edgar Allan Poe, die sich mit dem vermittelbaren Grauen und dem unvermittelbaren Schrecken, z.B. eines Massentodes, beschäftigten, stieg Bauer voll ein. Das Publikum durfte verschiedenste Geschichten erleben, von händeleckenden Mördern bis zu unheilbringenden Rosen und klassischen Geistermädchen. Sensationell war der „Puppenmord“ – die alptraumhaften Schreie der Puppe wurden zu einem ganz eigenen Erlebnis.

Die Auswahl der Kurzgeschichten, von klassisch bis zeitgenössisch, war repräsentativ für die Frankenfestspiele – es gab auch hier viel für den unterschiedlichsten Geschmack.
Wir alle wissen, wie entspannend Lesen sein kann. Vorlesen ist etwas völlig anderes, weil eine glaubhafte Interpretation die Texte regelrecht „vorlebt“. So etwas kann eine physische und psychische Belastung sein. Wenn es gelingt, dann ist es reines Kopfkino, untermalt mit Musik, die einmal bewusst atonal, dann wieder verstärkend oder gar ablösend für die Worte sein kann. Ein bisschen wie ein Duett zwischen Musiker und Leser.

Neben mir stürzten immer wieder schwärmende Falter in die nahen Scheinwerfer, wo sie mit einem Knacken verendeten. Oder war es doch etwas anderes? Sicherheitshalber sah ich mich nochmal um. Nein, hinter mir war nichts.

Die Lesung ging rasant weiter. Wir hörten makabre und teils groteske Geschichten um tote Hunde und Gewaltfantasien. Das erwies sich als Abstieg in die finstersten Winkel der menschlichen Psyche. Es ist schlimm, das lebhafte Grauen interpretieren zu müssen aus Sicht der „Opferrolle“. Wie viel schlimmer ist die – scheinbar – kalte und gleichgültige Weltsicht eines kranken und perversen Geistes? Schon allein dafür verdienen die Künstler meinen Respekt. Natürlich durfte der moderne Großmeister Stephen King nicht fehlen. Sein „Schreckgespenst“, zugegebenermassen bekannt, hatte ich so aber noch nicht erlebt. Weg von Buchstaben und Seiten hin zum Kern der Geschichte. King, der sich aus meiner Sicht schon lange nicht mehr neu erfinden konnte, wurde so auf eine ganz andere Ebene gebracht.

Auch die Klassiker kamen nicht zu kurz. Wer sich beim Stichwort „Erlkönig“ nur an den Deutschunterricht erinnert, wo Goethe leiernd und lustlos vorgetragen wird während die Klassenkameraden schliefen oder sonstwas trieben, der konnte hier etwas völlig anderes erleben. Interpretiert mit dreierlei Dialogstimmen aus ein und derselben Kehle wurde das komplette Potenzial dieses Gedichtes demonstriert. Und wenn man von den Klassikern und Wegbereitern der modernen Horrorzunft spricht, darf natürlich Poe selbst nicht fehlen, mit seinem Vorzeigestück – der Rabe. (Sicherlich hätte ich gerne etwas von meinem persönlichen Helden gehört, H.P. Lovecraft, nur sprengen die besten seiner Geschichten den zeitlichen Rahmen einer solchen Veranstaltung. Pickmanns Modell interpretiert von diesen beiden, ja, das wäre was … aber ich schweife ab)

Den Abschluss bildete eine eher scherzhafte Geschichte, die Lochmann mittels einer kurzen wie bekannten Ragtime-Sequenz ausklingen ließ. Solcherart erleichtert entließen uns die Herren in die Nacht.
Ein letzter Blick nach hinten – nein, da war nichts.
*** Wer mir das mit dem Umdrehen nicht glaubt, der möge es einfach mal selbst ausprobieren. Einfach nachts mit dem Rücken vor die geöffnete Tür setzen und ein gutes Stück Schauerliteratur zur Hand nehmen. Es lohnt sich.

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We thought her dying whilst she slept, and sleeping when she died – Dracula in Röttingen (Teil 2)

Sie sang wie ein Engel.

Ihre Stimme war so rein, so klar, dass man sich in ihrer Melodie verlieren konnte. Wahrscheinlich dachte sich das auch das kleine Mädchen. Neugierig, woher dieses schöne Lied kommen mochte, tat sie das, was ihr eigentlich untersagt worden war.

Die Ermahnungen des Vaters, die Sorgen der Mutter, alles war in diesem Moment nicht wichtig. Da war nur diese himmlische Stimme, die sie lockte. Wie betäubt ging das kleine Mädchen weiter durch die Dunkelheit. Ihre Füße fanden den Weg wie von alleine.

Dabei fiel ihr nicht auf, dass sich aus den Schatten ein gieriges Augenpaar auf sie gerichtet hatte…

Im zweiten Teil meines Berichtes über das Musical „Dracula“, das bei den Frankenfestspielen gegeben wird, möchte ich ein bisschen mehr auf die Charaktere eingehen. Selbstverständlich kann man ein Musical nicht beschreiben, ohne auf die Musik einzugehen. „Dracula“ ist voller eindrucksvoller Musikstücke und es fällt schwer, sich da einige herauszupicken. Ich werde es dennoch charakterbezogen tun und euch meine musikalischen Favoriten vorstellen.

Dracula (Rob Fowler)
Die Titelfigur zeigt sich auf der Bühne genau so, wie sie sein sollte. Anfangs mysteriös und schattenhaft. Ein Opfer der eigenen Gier und der Vergangenheit. Rob Fowlers Dracula ist modern und animalisch, aber mit zunehmendem Verlauf eben auch nachdenklich und gefühlvoll. Er tritt dabei eingangs mit einer Gestik und Haltung auf, die mich unwillkürlich an Max Schreck erinnerten. Vor der schwarz/weiß gehaltenen Kulisse kommt dies voll zum Tragen. Dieses Auftreten wird dabei durch die Tatsache noch gesteigert, dass er sich zunächst vom Publikum abwendet und sein Gesicht verbirgt. Das erzeugt Spannung, mehr als man sich vielleicht eingestehen will.

Gerade sein Lied „Je länger ich lebe“ kriege ich nicht mehr aus dem Kopf. Wohl auch, weil es dem Grafen  klare Konturen verleiht – verändert er sich etwa, weil er sich den eigenen Gefühlen aussetzen muss? Insofern steht für mich dieses Stück repräsentativ für das ganze Musical.

Jonathan Harker (Andreas Bieber)
In vielen bisherigen Erzählungen um den Grafen wurde sein vielleicht wichtigster Widersacher stets vernachlässigt, der junge Jonathan Harker. Meist tritt er zurück vor der klassischen Nemesis Draculas, des fast ebenso berühmten Professors van Helsing. Ein cineastisches Beispiel, wer blieb mehr im Gedächtnis, Anthony Hopkins oder Keanu Reeves? An wen erinnert man sich, an Peter Cushing oder an John van Eyssen? Das hat Harker so nicht verdient und dem wird die Aufführung auf der Burg Brattenstein auch gerecht. Denn die Konstellation Dracula – Mina – Jonathan macht einen prägnanten Harker erforderlich, und den bekommt sie hier auch. wird gerade bei Gleich zu Beginn treffen die Widersacher aufeinander, der junge Anwalt, der ein modernes Rechtssystem vertritt, und der uralte rumänische Graf, der nur ein Gesetz kennt – seinen eigenen Willen. Gerade der von Andreas Bieber gespielte Jonathan ist eine tragische weil nachvollziehbare Figur.

Sein „Frost an einem Sommertag“ ging mir direkt unter die Haut, zeigt dieses Lied doch genau die furchtbare Situation, in der sich Jonathan Harker befindet. Es ist eine Unmöglichkeit für ihn, bedeutet sein Schwur doch, dass er zerstören muss, was er liebt. Gänsehaut pur.

Mina Harker (Caroline Frank)
Mina Harker erfährt die wohl stärkste Wandlung in diesem Stück, mehr noch als alle anderen Charaktere. Aus der treubraven Gattin, die ihrem Jonathan zum Abschied hinterherwinken muss, wird eine leidenschaftliche wie emanzipierte Frau. Dieser Ausbruch aus ihrer gesellschaftlichen Rolle geschieht schleichend, es ist ein fließender Übergang von Treue und Loyalität hin zur Liebe und Leidenschaft.
Caroline Frank demonstriert deutlich diese Hin- und Hergerissenheit der Mina, sowohl im Spiel, als auch im Gesang. Ihr Lied „wär ich der Wind“ verdeutlicht ihren inneren Drang nach Freiheit und gehört zu den wahrscheinlich besten Songs, die Wildhorn für dieses Musical geschrieben hat.

Man beachte vor allem auch die kleinen Gesten, die diese Darbietung schärfen – beispielsweise wie Mina ihrem Jonathan den Schal umbindet. Meine Lieblingsszene mit ihr ist allerdings eine andere, mit Abraham van Helsing, als von der Trauer des alten Mannes erfährt. Doch davon gleich mehr.

Abraham van Helsing (Dennis Kozeluh)
Der Archetyp des Vampirjägers, in unzähligen Schriften, Filmen und Rollen interpretiert von berühmten Köpfen der Unterhaltungsindustrie. In diesem Zusammenhang hat der Darsteller Dennis Kozeluh ja schon beim Matinée angekündigt, die richtige Mischung aus Anthony Hopkins und Hugh Jackman zu sein. Auch die von Kozeluh dargestellte Figur wird zunächst in Komik eingeführt, die Hand stets am Flachmann, doch man sollte nicht vorschnell urteilen. Anders als Harker, dessen Tragödie sich im Laufe des Stückes erst entwickelt, entspinnt sich die des van Helsing nur langsam. Dies wird richtig deutlich in der Szene, in welcher er den Verlust seiner Tochter „Roseanne“ besingt. Die Tragödie eines Vaters wird hier beinahe greifbar. Auch hier schön zu sehen, die zunächst eher stereotype Figurenzeichnung, die von einer zur nächsten Szene plötzlich an Schärfe gewinnt. Dadurch wird ein anderes Lied – „Nosferatu“ – verständlich und klar, drückt es doch seinen ganzen Haß auf den dunklen Widersacher aus.

Dr. John Seward (Norbert Holoubek)
Anders als in anderen Darstellungen ist John Seward hier ein starker Wissenschaftler. Unerschrocken, in der Überzeugung auf die Unfehlbarkeit der Wissenschaft. Norbert Holoubek verleiht diesem Mann eine klare Präsenz und eine ebensolche Stimme. Wie eigentlich immer im Narrativen erweist es sich als spannend, wenn genau solche Charaktere an ihre Grenzen stoßen. Spannend daher zu sehen ist die Szene, als seine Rationalität versagt und er seinem Mentor van Helsing Glauben schenken muss. Kann denn Lucy wirklich einem Vampir zum Opfer gefallen sein? Besonders schön zu betrachten ist ebenfalls sein Umgang mit dem (vielleicht gar nicht so sehr?) irrsinnigen Renfield.

Quincy Morris (Anton Graner)
Das Erste, was mir an Anton Graners Quincy (oder Quincey, wie er im Original heißt), aufgefallen ist, war der fehlende Hut. Ein Texaner ohne Hut? Schande über mich, denn er braucht gar keinen. Gesten und Haltung schärfen den Charakter so stark, dass sein literarisches Vorbild deutlich zum Ausdruck kommt. 
Und nochmal Schande über mich. Zunächst habe ich ein bisschen die Szene vermisst, in der Quincy sein Schicksal ereilt, dies war reduziert auf einen Hilfeschrei aus dem Off. Eigentlich war es nur konsequent. Ein melodramatischer Abgang hätte die Erzählung am Ende nur gestört, denn worum ging es denn in der Geschichte? Genau, um Dracula und Mina. Und die blieben auf diese Art im Fokus.

Trotzdem, weil eine meiner Lieblingsszenen, sei hier der Satz aus dem Original gestattet:
“And, to our bitter grief, with a smile and in silence, he died, a gallant gentleman.“

Lucy Westenra (Kathleen Bauer)
Kathleen Bauer spielt mit der Lucy Westenra eine der beiden tragenden weiblichen Rollen. Sie zeigt die spielerisch-lebhafte Lucy als deutlichen Gegenpart der treue Mina. Sehr schön ist auch hier die Transformation des Charakters zu sehen im aufkeimenden Vampirismus, dem sie zum Opfer fällt und der sie letztendlich selbst zu einer reißenden Kreatur der Nacht macht.

Absolut hörenswert (und wunderschön anzusehen): „Nebel und Nacht“.

Arthur Holmwood / Renfield (Daniel Ogris)
Ich konnte kaum glauben, dass Renfield und Arthur Holmwood von derselben Person gespielt wurden. Chapeau, Daniel Ogris! Und einen derartigen Renfield habe ich noch nicht (unabhängig vom Medium) erlebt. Vom Irrsinn getrieben, rasend in seiner Gier nach jeder Art von Leben, ist er doch von Minas Charme betört und lässt sich verleiten …. ein Höhepunkt.

Supporting Cast
Das Stück wäre nicht was es ist ohne das unterstützende Ensemble. Immer wieder tauchen die verführerischen, gierigen, animalischen Vampirbräute auf, teils völlig überraschend aus dem Publikum oder aus den Fenstern der Burg Brattenstein. Als wären sie ein Teil der Kulisse fügen sich hier auch die Mitglieder des e-Ensembles – aus der Region rekrutierte Darsteller – harmonisch in die Aufführung ein. Hervorzuheben sei hier die Darstellung von Dr. Sewards Irrenhaus, welches das Treiben eines altertümlichen „Tollhauses“ eindringlich realisierte – erneut zeigt sich auch hier das Zusammenspiel von Musik, Setting und Charakterdarstellung.

 

Am Ende bleibt mir nur noch, den Machern und Beteiligten Glück zu wünschen, meine Erwartungen wurden mehr als erfüllt. Weshalb ich mir den „Dracula“ auch mehr als nur einmal in Röttingen ansehen werde. Wahrscheinlich entdecke ich beim nächsten Mal noch mehr Details…

Mehr Informationen gibt es direkt an der Quelle:
http://www.frankenfestspiele.de/

* Randnotiz zu meiner Titelwahl: ebenfalls entnommen dem Original-„Dracula“ beschreibt es die Fremdartigkeit der „Krankheit“, die Dracula verbreitet. In diesem Fall bei Lucy Westenra .

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…denn die Todten reiten schnell – Dracula in Röttingen (Teil 1)

Würde er erscheinen?

Unsicher sah ich mich um. Als einer der Letzten hatte ich auf der Bank Platz genommen. Der Abend war ein wenig kühl aber nicht unangenehm. Die Stimmung bei den anderen Zuschauern war gelöst, nicht wenige hatten einen fränkischen Schoppen vor sich stehen.

Wussten sie nicht, auf wen wir da warteten?

Vielleicht doch, denn es wurde allmählich still im Schatten der Burg Brattenstein. Das Geraune verklang im Publikum, als das Stück begann. Zunächst meinte ich, mich zu täuschen. Aber nein, es war eine Tatsache, da waren Atemgeräusche zu hören. Und ein Herzklopfen, laut und deutlich, wie in einer meiner Lieblingsgeschichten von Poe. Glockenläuten setzte unaufdringlich im Hintergrund ein, gefolgt vom Bellen eines Hundes. Hieß es denn nicht, dass die tierischen Sinne gegenüber dem Übernatürlichen nicht sehr viel sensibler sind?

Man konnte es gut glauben in diesem Moment…

Da waren Flüsterstimmen. Ihre Worte klangen zuerst undeutlich. Dann aber hörte ich es genau. Sie raunten „Immordite Nosferatu.“ Ja, kein Zweifel. Die Musik setzte ein, zuerst melancholisch und zaghaft, steigerte sich dann zu einem fulminanten Abschluss.

Zwei Gestalten erschienen auf der Bühne, eine Frau und ein Mann, Gestik und Mimik offenbarten ihre Vertrautheit. Ich erkannte die beiden sofort, das waren Mina und Jonathan. Natürlich war es dieses Paar in den letzten gemeinsamen Momenten vor seiner Reise nach Transsylvanien. Unwillig und pflichtbewusst machte sich der junge Anwalt auf die Reise, die ihn mitten durch unsere Reihen führte, hautnah, bis zum finsteren Schloss im Schatten der Wälder.

Am Ziel angekommen traf Jonathan auf ihn. Dracula! Und die Ereignisse nahmen ihren unabwendbaren Lauf.

Das alles erzeugt Stimmung, wohliges Unbehagen, und somit den perfekten Einstieg in die folgende Geschichte. Die des wohl berühmtesten und finstersten Grafen der Welt.

Der dunkle GrafIm Vorfeld hatte ich bereits die Matinée besucht und damit meine Spannung angefacht (ich hatte hier berichtet). Am Samstag war es dann endlich soweit. Wir besuchten das Musical „Dracula“, das im Rahmen der Frankenfestspiele aufgeführt wurde. Und so viel sei verraten, ich wurde mitnichten enttäuscht.

 Schon das Bühnenbild demonstriert Vielschichtigkeit. Auf den ersten Blick könnten es Nebelschwaden sein, oder grotesk verzerrte Bäume. Beherrscht der dunkle Fürst nicht auch die Nebel und die Winde? Im Vordergrund sind Räder zu sehen, Zahnräder wie in einem Uhrwerk, symbolisch für die verstreichende Zeit. Das Altern und der Tod, zwei zentrale Themen im „Dracula“. Immer wieder greift die Musik auch das verräterische Ticken als Thema auf, das sich bisweilen durch Herzklopfen zu steigern scheint. Je länger man hinsieht, desto klarer wird es. Und auch nicht. Denn die bizarren Formen im Hintergrund gleichen mehr und mehr dem eines Unholdes, der mit gekrümmten Klauen nach seinem Opfer greift. Auch die Räder sind nicht unbedingt das, was sie auf den ersten Blick darstellen mögen. Gerade in ihrer Beweglichkeit und ihrem mechanischen Aussehen symbolisieren sie die aufkeimende Moderne des zwanzigsten Jahrhunderts, ein Konflikt, der tief in Draculas Dramaturgie steckt. Symbolisiert der Graf denn nicht eine der finstersten Epochen der menschlichen Geschichte in Gestalt eines todlosen Voivoden, der mit gleichgültiger Kälte tausende von Gegnern pfählen ließ (was leider keine Fiktion ist)?

Die Stellverteter der ModerneUnd stehen mit dem Amerikaner Quincy, dem Psychologen Dr. Seward und dem alternden aber auch unkonventionellen Wissenschaftler van Helsing ihm nicht Archetypen der Neuzeit entgegen? Eine gelungene Kulisse für das folgende Stück, das vor allem durch die Charaktere und ihre inneren wie äußeren Konflikte geprägt wird.

Schön auch zu sehen wie Lucy und Mina am Meer sitzen, Lucy erzählt von dem gestrandeten Schiff. Dieser Segler, der ohne ihr Wissen die düstere Fracht nach England bringt und dessen Steuer am Ende nur noch von einer toten Hand gehalten wurde. Sie schauen hinaus auf die Wellen und da setzt, wie in einer unauffälligen Synchronisation, das Leuten der Röttinger Glocken ein. Ein Detail, das dem aufmerksamen Zuschauer wie die Schiffsglocken der unglücklichen Demeter vorkommen muss. Oder wehrt sich an dieser Stelle Cairfax Abbey gegen seinen unheiligen Gast?

Es waren vor allem die Details, die mich völlig begeistert haben von dieser Aufführung. Gerne verrate ich ein bisschen mehr über die Charaktere und die Eindrücke, die sie bei mir hinterlassen haben … in Teil 2.

 

* Randnotiz zu meiner Titelwahl: entnommen dem Original-„Dracula“ zählt das zu meinen Lieblingszitaten:
„For the dead travel fast“ – „denn die Todten reiten schnell.“
Seinerseits hat es Mr. Stoker etwas frei aus „Leonore“ von Gottfried August Bürger (1747-1794) zitiert. Ebenfalls lesenswert.

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Kein Bafög in Krakau oder die „Bettelstudent“ – Matinée

Keine Angst, ich erspare mir (und vor allem euch) die Anekdoten aus meiner Studienzeit. Tatsächlich beschäftigt sich der folgende Eintrag mit dem „Bettelstudenten“ von Carl Millöcker. Man verzeihe mir die Titelwahl, aber ich konnte nicht widerstehen. 🙂

Nachdem mein letzter Matinée-Besuch ein absoluter Volltreffer war (hier), war es irgendwie nur logisch, dass ich auch die nächste Matinée der Frankenfestspiele besuchte. Es zeigt sich, dass diese Veranstaltungen eine wirklich schöne Einstimmung für die Bühnenfassungen sind, vor allem weil die Künstler auch aus dem Nähkästchen plaudern. Und weil sie das Publikum mit einbeziehen. Allein das ist einen Besuch wert.

Nach dem einleitenden Klavierspiel von Walter Lochmann, der sich ganz nebenbei mit „ch“ schreibt und nicht mit „ck“ ;-), war das Publikum mehr als vorbereitet auf das nachfolgende Programm. Einmal mehr hat er seine ganze Virtuosität zum Besten gegeben, die vor allem auch den Entertainer ganz klar herausgekehrt hat. Im Verlauf hat er immer wieder treffend kommentiert und musikalisch akzentuiert. Allein das war sehens- und hörenswert.

Gernot Kranner führte gut gelaunt durch den späten Vormittag, stellte die Mitglieder des Ensembles vor, die auch alle etwas von ihrer Kunst zum Besten geben durften. Es ist eine alte Wahrheit, dass die leichte Muse die schwerste Kunst ist. Man merkte es den Künstlern nicht an. Die Lieder waren leicht und verspielt, so wie es in einer Operette auch sein sollte. Denn, und da hat Herr Kranner  vollkommen Recht, das Ziel dieses Genres sollte es sein, gut zu unterhalten, leicht und beschwingt, mit Melodien, die einfach mitreißen. Dass er dabei den Fokus auf die Charaktere und den Kern der Geschichte legt, weg vom Säbelgerassel und übertriebenem historischem Kontext, das macht neugierig.

Es war mein zweites Matinée bei den Frankenfestspielen und – auch wenn ich sonst eher ein Freund der schweren dramatischen Kost bin – haben es die Veranstalter wieder geschafft, meine Neugier zu wecken. Die nächste Aufführung des Bettelstudenten habe ich mir vorgemerkt…

http://www.frankenfestspiele.de/

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Ein wirklich schöner Tag

Der Ausflug ist schon ein paar Tage (Wochen? Monate?) her, dennoch wollte ich Euch diesen Text nicht vorenthalten … denn diesen Tag werde ich wohl nicht mehr vergessen.

Was tun wenn der Wetterbericht wieder mal komplett daneben liegt? Wenn statt des versprochenen Regentages, der sich bekanntermaßen perfekt eignet um sich zurückzuziehen und zu schreiben, plötzlich einer der wärmsten Tage des Jahres vor einem steht?

Genau, man packt ein paar Sachen in den Rucksack und zieht mit den Mädels los zum Wandern. An dem speziellen Tag, den ich meine, führte uns unser Weg  in den Schönstheimer Forst. Irgendwie ist es ja komisch, dass man ich-weiß-nicht-wie-oft mit dem Auto dort vorbeifährt ohne den Wald groß zu beachten. Denn dieser Flecken Erde hat es in sich, allein die Menge an – teils finsteren Sagen – welche über den Forst erzählt werden, sind bemerkenswert.

Selbst heute hat der Schönstheimer Forst etwas Besonderes – schließlich gibt es nicht allzu viele Gemeinden ohne Bürger in Deutschland. Tatsache, es gibt einen Bürgermeister aber keine Bürger dort. Das geht zurück auf den Flecken Schönstheim, der schon vor über fünfhundert Jahren von seinen Einwohnern verlassen wurde. Manche datieren das auf den Bauernkrieg, wieder andere erzählen das im Zusammenhang mit dem Dreißigjährigen Krieg, als die Schweden durch unsere Gegend gezogen sind, wo sie Angst und Schrecken hinterließen. Meine Quellen jedoch sagen, dass Schönstheim bereits im 15. Jahrhundert verlassen wurde. Worüber sie sich allerdings ausschweigen, ist der Grund dafür.*

Auf unserer Wanderung sind wir auf liebe alte Bekannte gestoßen. So unverhofft diese Begegnung war, so interessant war sie auch. Denn die beiden haben uns direkt zum „Schlossbrunnen“ geführt, dem letzten Überbleibsel des Schönstheimer Schlosses. Angeblich wurde es niedergebrannt, aber von wem? Und wie kam die Sage von dem Schäfer und der unheimlichen Jungfrau auf, die dort ihr Unwesen treiben soll?

Geschichten über Geschichten. Irgendwann werde ich mehr darüber erzählen….

Was bleibt war ein die Erinnerung an einen wunderschönen Tag, den wir wirklich genossen haben.

 

Für Wanderfreudige: hier der Link zum Parkplatz in der Nähe des Gammertshofes, ein idealer Ausgangspunkt für eine Tour durch den Schönstheimer Forst:

 * Ein wirklich tolles Gespräch mit dem inoffiziellen Stadthistoriker Röttingens (man kann ihn mit etwas Glück im Weingut Engelhardt treffen, also lohnt sich ein Besuch gleich doppelt) vor einigen Tagen hat mir bestätigt, dass Schönstheim zwischen 1460 und 1480 verlassen wurde. Offensichtlich wegen marodierender Banden.

 

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